Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Rating-Wahnsinn? – Ruhig, Brauner!

Es ist eine Meldung, die einem auf den ersten Blick den Puls nach oben schießen lässt. Die Rating-Agentur Moody´s überprüft die Kreditwürdigkeit des Finanzsektors und droht mehr als 100 europäischen Banken mit der Herabstufung. Die Rating Agenturen! Herabstufung! Doch bevor unsere Politiker und öffentlich-rechtlichen Marktberichterstatter bereits wieder die große Keule herausholen und ihre Schimpftiraden beginnen und bevor der Boulevard in Großbuchstaben mit dem „Rating-Wahnsinn“ titelt, möchte man ihnen zurufen: „Ruhig, Brauner!“.

Natürlich überprüfen die Rating-Agenturen laufend die Kreditwürdigkeit der Unternehmen und Staaten. Das ist ihr Job. Und natürlich wissen wir auch, dass es den Banken nicht besonders gut geht – besonders dann, wenn sie in der Vergangenheit stark vom Investmentbanking abhängig waren. Eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit ist damit in vielen Fällen durchaus sachlich zu begründen. Aber geht davon die Welt unter? Nein. Ein schlechteres Rating wäre für die Banken dann ein Problem, wenn sie gezwungen wären, sich am freien Kapitalmarkt zu refinanzieren. Denn es würde die Zinsen verteuern und könnte de Institute damit in eine Abwärtsspirale schicken. Doch selten zuvor dürften den Banken ihr Rating so egal gewesen sein wie derzeit. Denn sie werden von der Europäischen Zentralbank geradezu mit Liquidität überschüttet. Zum Zinssatz von einem Prozent. Nächste Möglichkeit, um Geld zu tanken: Ende Februar beim Drei-Jahres-Tender. Das schönste dabei: Das Rating spielt keine Rolle. Denn die EZB akzeptiert mittlerweile eine Vielfalt von Wertpapieren, gerne auch zweifelhafter Natur, als Sicherheit. Und damit gilt der Zinssatz von einem Prozent für alle.

Wer braucht also noch ein Rating zur Refinanzierung? Die Banken jedenfalls im Moment kaum. Und wenn alles gut geht, dann haben wir noch einen weiteren schicken Nebeneffekt. Wenn die Banken das billige Geld der EZB geschickt dazu nutzen ihre Bilanzen wieder zu stärken, dann werden die Rating-Agenturen auch um eine Heraufstufung der Banken nicht mehr herumkommen. Nicht heute oder morgen – aber in absehbarer Zukunft.

Eine Antwort zu “Rating-Wahnsinn? – Ruhig, Brauner!”

  1. Reinhold aus Sendenhorst
    05. Mrz, 2012 at 10:05 #

    Was ich nicht verstehe: wofür brauchen Banken überhaupt das Urteil von Ratingagenturen? Wenn ich als Bank/er einem Staat Milliardenanleihen abkaufe, dann sollte ich doch in der Lage sein, diesen Schuldner selbst zu beurteilen. Allerdings werde ich dann im Verlustfalle von meinem Vorstand persönlich zur Rechenschaft gezogen, und der wiederum von seinem Kontrollorgan.
    Wenn ich hingegen auf die Beurteilung einer Ratingagentur verweisen kann, die leider etwas daneben lag, dann bin nicht nur ich fein heraus, sondern auch mein Vorstand seinem Kontrollorgan gegenüber. In meinem Hause rollen dann keine Köpfe. Trotz dieser gigantischen Fehlleistung meines Hauses brauchen mein Vorstand und ich nicht um unser Salär zu fürchten.
    Dann ziehe ich als Banker doch lieber eine Ratingagentur zu Rate. Das Geld für meine gekaufte Anleihe wäre ja so oder so verloren, -ob aufgrund meines Fehl-Urteils oder des Fehl-Urteils einer Ratingagentur-, aber meine Chefs und ich bleiben ungeschoren.
    Fazit: es macht schon Sinn, auf Ratingagenturen zu hören, auch wenn deren Urteil mir als Bank/er viel Geld kostet, was aber wiederum egal ist, es ist ja nicht mein Geld.

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