Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Schneeballschlacht im Bankenviertel

Das Finanzsystem hat sich in den vergangenen Jahren immer offensichtlicher zu einer Farce entwickelt. In den USA, Japan und Großbritannien kaufen die Notenbanken ungehemmt staatliche Anleihen. Sie sorgen dafür, dass die Regierungen trotz ihrer Schuldenberge weiter liquide bleiben und gewähren den Politikern Kredite zu Zinssätzen, die lächerlich niedrig sind. Das Ganze gleicht den Schneeballsystemen, für die Betrüger wie Bernard Madoff jahrzehntelang hinter Gitter wandern – mit dem Unterschied, dass es hier die Notenbanken und die Staaten sind, die straffrei agieren können.

Bei uns in Europa läuft die Sache etwas komplizierter. Die Notenbanken finanzieren die Staaten nicht direkt. Das ist verboten, was in diesen Zeiten eigentlich kein Grund wäre, es nicht doch zu tun. Doch statt dessen hat sich der neue Notenbankchef Mario „der Drache“ Draghi ein noch perfideres System ausgedacht. Die Notenbanken leihen den Banken Geld in quasi unbegrenzter Menge für drei Jahre zum Zins von gerade einmal einem Prozent. An diesem Dienstag ging es wieder an den Futtertrog. Unglaubliche 530 Milliarden Euro haben sich die Banken bei der EZB geholt – und damit dafür gesorgt, dass auch die Finanzminister in Rom und Madrid aufatmen können. Denn die Banken reichen nun einen ordentlichen Teil des Geldes an Krisenländer wie Spanien und Italien weiter. Damit schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen bekommen die Staaten Geld zu erträglichen Zinsen und die EZB hat den Anschein gewahrt, dass sie sich an die Buchstaben des Gesetzes hält und die Staatsanleihen nicht direkt kauft. Zum anderen aber – und das ist der geniale Trick Marke Draghi – werden gleichzeitig auch die Bilanzen der Banken saniert. Denn sie verleihen das Geld mit einem ordentlichen Zinsaufschlag an die Krisenstaaten weiter – die Differenz verbleibt als nahezu risikoloser Gewinn in ihren Büchern.

Zum Zirkelschluss wird dieser Vorgang spätestens dann, wenn man sich ein Detail vor Augen führt: Die Banken müssen, um sich das billige Geld bei der EZB leihen zu können, Sicherheiten bei der Notenbank hinterlegen. Draghi hat die Anforderungen an diese Sicherheiten deutlich heruntergeschraubt. Nun reicht es bereits, wenn – sagen wir – eine italienische Bank eine eigene Anleihe begibt, für die der italienische Staat großzügigerweise haftet, indem er eine Garantie ausspricht. Dieses Papier wird von der EZB bereits als „ausreichende Sicherheit“ anerkannt, um der Bank einen Kredit zum Schnäppchenpreis zu gewähren – den diese dann mit einem Aufschlag an den italienischen Staat weiterreicht.

Schöne neue Finanzwelt! Ob das Geldsystem damit wirklich wieder Vertrauen zurückgewinnen kann? Für uns Privatanleger heißt das vor allem eins: Finger weg von Staatsanleihen! Dieser Markt ist mittlerweile hochgradig manipuliert. Die Risiken werden durch die gezahlten Zinsen in keiner Weise widergespiegelt. Das Ganze geht so lange gut, wie die Musik weiterspielt und die Notenbank Schnäppchentage für Milliardenkredite veranstaltet. Wie er davon jedoch wieder herunterkommen soll, weiß wahrscheinlich selbst Mario Draghi nicht.

Eine Antwort zu “Schneeballschlacht im Bankenviertel”

  1. Reinhold aus Sendenhorst
    04. Mrz, 2012 at 16:41 #

    Wenn die EZB den Banken Kredite zu 1% verleiht, müßten diese ihre so zinsgünstigen Kredite problemlos in 3 Jahren an die EZB zurückzahlen können, zumal die europaweite Inflation dann meiner heutigen Erwartung nach so richtig zugange sein dürfte.
    Wenn nun die EZB den Staaten deren neue Anleihen zu extrem günstigen Konditionen abkauft, diese Schuldner ihre Anleihen aber irgendwann trotzdem nicht mehr ordentlich bedienen geschweige denn zurückzahlen können, dann ist das auch kein Beinbruch für die EZB und den jeweiligen Schuldner: die EZB streicht ganz einfach ihre Forderung, indem sie diese abschreibt. Nun gut, deren Gewinn reduziert sich halt um diesen Betrag. Aber sie geht doch selbst nicht daran kaputt. Dann stehen dort eben Milliardenverluste. Den Bürger stört das doch garnicht, höchstens den Buchhalter.
    Der Schuldner-Staat hat zwei große Lasten weniger: er zahlt keine Zinsen mehr an die EZB und muß auch die Anleihe nicht mehr zurückzahlen. Das von der EZB empfangene Geld aus der Anleihe hat der Schuldner sicherlich gut im eigenen Lande einsetzen können. Weiterer Vorteil: seine Passivseite ist erheblich entlastet. Er kann dann eine neue Anleihe an die EZB verkaufen, die diese sicherlich gerne kauft, um die Wirtschaft des Schuldnerlandes weiterhin am Laufen zu halten, auch wenn die EZB damit einem schlechten Schuldner gutes Geld zum zweiten Mal hinterherwirft. Aber: wie gesagt, der Bürger merkt`s ja nicht. Und irgendwann geht`s auch diesem Schuldner wieder besser, so daß er bei der dann vorherrschenden Inflation diese zweite Anleihe, die sicherlich ebenfalls zinsgünstig war, einfacher wird bedienen können. Und wenn nicht, geht`s halt so weiter.
    Fazit: solange die EZB den Staaten Milliarden leiht, braucht sie im Extremfalle diese nur aus ihrer Bilanz zu streichen – schadet ja eigentlich keinem direkt. So einfach kann das sein.

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