Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Risikolos war gestern – warum wir alle wirtschaftliche Selbstverteidigung brauchen

In einer Umfrage, die die Gesellschaft für Konsumforschung unlängst durchgeführt hat, gaben 93 Prozent der Teilnehmer an, sehr sichere Anlagen mit Mini-Renditen gegenüber etwas höher rentierlichen Anlagenformen mit etwas mehr Risiko zu bevorzugen.

Hand aufs Herz: Gehören Sie auch zu diesen 93 Prozent? Dann müssen Sie sich selbst nur noch eine Frage beantworten: Was ist eigentlich sicher?

Meiner Meinung nach stehen wir vor einer grundsätzlichen Verschiebung der Parameter von Risiko und Sicherheit. Viele Anlagen und Verhaltensweisen, die wir in der Vergangenheit als risikoarm und konservativ kennengelernt haben, dürften sich in den nächsten Jahren als risikoreicher herausstellen. Ähnliches gilt für Verhaltensweisen und Lebensstile.

Was ist damit gemeint? Nun, denken Sie beispielsweise an eine Bundesanleihe oder einen Bundesschatzbrief. Grundsolide Geldanlagen, bei denen die Rendite kalkulierbar ist und das Risiko nahe null. Das war zumindest bisher der Fall. Kaum jemand hat sich ernsthaft gefragt, was er da mit seinem Geld anstellt. In Zukunft wird sich das ändern. Vor dem Hintergrund der lautstarken Diskussion über Staatsfinanzen und Transferleistungen innerhalb Europas werden sich viele Anleger erstmals darüber bewusst werden, dass sie hier einen oft langjährigen, unbesicherten Kredit an den deutschen Finanzminister geben, den dieser möglicherweise direkt nach Griechenland, Irland oder Portugal weiterreicht.

Ob dieser Finanzminister – oder sein Nachfolger – Ihren Kredit in zehn Jahren wohl pünktlich und in voller Höhe zurückzahlen kann? Und selbst wenn er dies kann: Was ist ihr ärmlich verzinstes Geld in zehn Jahren noch wert? Hat eine Verzinsung von – sagen wir mal – zwei Prozent ausgereicht, um nach Steuern und Teuerung die Kaufkraft Ihres Geldes zumindest zu erhalten? Oder sind sie zwar nominal „reicher“, real aber deutlich ärmer geworden?

Das Perfide an der Sache ist Folgendes: Ausgerechnet wer Risiken aus dem Weg gehen will, dem droht in den kommenden Jahren der größte finanzielle Schaden. Derzeit entwickeln sich „neue Risiken“, die von vielen noch nicht als solche erkannt werden. Sie stecken ausgerechnet dort, wo wir uns bisher sicher gefühlt haben: in konservativen Geldanlagen wie Staatspapieren, dem Sparbuch oder der Lebensversicherung.

Die Verzagtheit der Deutschen ist sprichwörtlich und hat unter dem Begriff „German Angst“ sogar Eingang in den englischen Wortschatz gefunden. Es spricht vieles dafür, dass uns dieser Weg der vermeintlichen Risikoaversion in den kommenden Jahren in die Irre führt, wenn wir die wahren Risiken nicht rechtzeitig erkennen. Denn diese „neuen Risiken“ lauern nicht nur bei der Geldanlage. Sie machen sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens breit. Ein Beispiel: Sie sind Beamter und noch dazu jung? Dann hat man Sie vermutlich bei der Verbeamtung von allen Seiten beglückwünscht. Gut versorgt seien Sie jetzt und Arbeitslosigkeit werde für Sie wohl nie zum Thema. Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber ich möchte mich diesen Glückwünschen nicht anschließen. Denn ihr Einkommen und erst recht Ihre Pension hängen davon ab, was sich der Staat in einigen Jahren noch leisten kann. Wenn heute die Staatsbediensteten in Griechenland auf die Straße gehen, weil ihre Einkommen gekürzt werden, dann wirkt das für mich lediglich wie ein Vorbote dessen, was uns in einigen Jahren in Deutschland erwarten kann. Und wohlgemerkt: Wir reden hier über nominale Kürzungen der Einkommen. Die realen Verluste nach Preissteigerung drohen deutlich höher zu werden.

Ich hoffe, Sie erkennen den grundlegenden Wandel: Was bisher als konservativ und risikoarm galt, ändert seinen Charakter. Wir sind auf dem Weg in eine Periode, in der es das Wort „risikolos“ nicht mehr geben wird. Es wird auf der einen Seite diejenigen geben, die sich rechtzeitig Gedanken gemacht haben und Risiken bewusst eingehen. Auf der anderen Seite wird es diejenigen geben, die glauben, allen Risiken aus dem Weg gegangen zu sein, um dann urplötzlich und völlig unvorbereitet doch von ihnen überrascht zu werden. Was jeder von uns braucht, ist ein Kurs in Sachen „Wirtschaftlicher Selbstverteidigung“, in dem er herausfindet, welche Risiken er bereit ist, einzugehen. Und in dem er erkennt, wo für ihn ganz persönlich die neuen Risiken liegen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem soeben erschienenen Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ von Roland Klaus.

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